Kirschblüte

Kirschlütenzweige

Die Kirschblüte gilt in Japan seit alters her als Symbol des Frühlings und als ein Sinnbild für die Vergänglichkeit allen Irdischens (shogyō mujō). Die Blütezeit der Kirschbäume beträgt nur wenige Tage, ein leichter Windstoß oder eine kurze Regenschauer genügen, und schon hat die Blütenpracht ihr Ende. Die Traurigkeit über das rasche Fallen der Kirschblüten ist ein zentrales Motiv in der klassischen japanischen Poesie und wird häufiger thematisiert als die Schönheit der Blüten selbst.

Im Ausland wird die Kirschblüte vor allem, als Symbol für den japanischen Nationalcharakter und den Weg des Kriegers gesehen. Nicht ganz zu Unrecht, denn die japanische Regierung verschenkt Kirschbäume an befreundete Nationen; die Kirschblüte findet sich zudem auf der Rückseite der 100 Yen Münze abgebildet und sowohl die Polizei als auch die Streitkräfte in Japan verwenden als Rangabzeichen Kirschblüten an Stelle von Sternen.

Diese Vorstellungen sind allerdings gerade zweihundert Jahre alt. Die Gleichsetzung der Kirschblüte mit dem Herzen Japans wurde Ende des 18. Jahrhunderts von dem Gelehrten Motoori Norinaga (1730-1801) formuliert. Und die Kirschblüte als Symbol für den Weg des Kriegers wird erst in dem 1900 veröffentlichen Werk von Nitobe Inazō (1862-1933) Bushidō, die Seele Japans klar heraus gestellt. Zweifelsohne haben die Samurai die Kirschblüte ebenso geschätzt wie die anderen Stände der vormodernen Gesellschaft, aber in den Familienwappen der Krieger taucht die Kirschblüte nur selten auf, weil das Fallen der Blüten mit dem Ende der Blutlinie assoziiert wurde.

Heutzutage stehen die berauschende Schönheit der Blütenpracht und die neu erwachte Lebenskraft der Natur im Vordergrund der Betrachtung. Die kurze Blütezeit und das schnelle Fallen der Kirschblüten werden kaum noch mit Traurigkeit in Verbindung gebracht, sondern vielmehr mit Bewunderung wahrgenommen und in der gegenwärtigen Populärkultur als Sinnbild für «unter den gegebenen Bedingungen sein Bestes tun» gesehen.

Die Freude an der Blütenschau hingegen, an dem Essen, Trinken und Vergnügen unter blühenden Kirschbäumen, ist seit Jahrhunderten unverändert geblieben. Auch wenn das ausgelassene Treiben der Kirschblütenschau von manchen Menschen eher kritisch betrachtet wurde. Der Hofadelige Yoshida Kenkō (1283-1350) äußerte sich im 14. Jahrhundert wie folgt: «Menschen aus der Provinz vergnügen sich stets auf aufdringliche und laute Weise. Sie drängen sich ganz dicht unter die Kirschbäume, starren unentwegt auf die Blüten, trinken Reiswein und verfassen Kettengedichte, und brechen am Ende noch rücksichtslos große Zweige von den Bäumen ab.»

Schlagwörter:

Kommentieren


Name*

E-Mail (wird nicht angezeigt)*

Webseite

Ihr Kommentar*

Kommentieren

© Eva Maria Meyer 2008-2018     Designed by Pexeto     Powered by WordPress